:: Elterngespräche::


Sobald unsere Kinder in den Kindergarten kommen, beginnen die Elterngespräche.
Eine Konversation, auf die uns niemand vorbereitet. Bis anhin kamen die Feedbacks über unsere Kinder nur von Freunden oder Familienmitgliedern, und diese beschränkten sich meist auf Kleinigkeiten, Beobachtungen oder Komplimente.

Plötzlich jedoch bewertet eine fast fremde Person, die jetzt ganz viel Zeit mit deinen Kindern verbringt, deinen Sprössling.

Ich erinnere mich noch ganz gut an unser erstes Elterngespräch. Total unvorbereitet sassen wir auf den viel zu kleinen Stühlen vor der Lehrerin, als sie einen Bewertungsbogen mit Smileys hervornahm. Sie erklärte uns, dass sie diesen mit unserem Sohn durchgeschaut habe und er für sich die Smileys umkreist hatte.
Die Fragen waren ganz einfach, wie: Kommst du gerne in den Kindergarten? Fühlst du dich wohl? Was magst du am besten, was weniger?
Sie schrieb gleichzeitig ihre Beobachtungen mit rein und war bereit, uns diese zu offenbaren.

Mein Mann und ich waren sehr gespannt und auch extremst beeindruckt, wie professionell dieses Elterngespräch vorbereitet wurde. Fast wie bei einem Qualigespräch bei der Arbeit, nur in mini.

Punkt für Punkt arbeiteten wir uns runter, alles lief gut, bis die Lehrerin am Schluss noch hinzufügte, dass unser Sohn einfach Mühe mit der Handhabung der Schere habe und nicht gern ausschneide.
Ich musste schmunzeln, denn eine Bastelmama war ich nie. Wahrscheinlich hat er bei uns zuhause bis zum Kindergarten noch nie etwas ausgeschnitten.

Was diese Aussage jedoch mit mir machte, überraschte mich. Ich merkte, wie es mich am nächsten Tag anfing zu beschäftigen. Hatte ich meine Mamaaufgabe nicht ernst genommen? Wird mein Junge wohl nie lernen, etwas auszuschneiden? Muss ich mit ihm trainieren?
Etwas so Kleines nahm plötzlich meinen Alltag ein. Gott sei Dank konnte ich diese Midi-Sorge dann doch mit der Realität zum Schweigen bringen: "Er wird seinen Weg machen, auch wenn er nicht gerne Dinge ausschneidet.”

Und das war nur etwas Mickriges. Ich unterstelle auch in keinster Weise, dass die Lehrerin es aufblasen wollte. Sie sah es als ihre Pflicht an, uns darüber aufzuklären, und dies tat sie auf eine freundliche Art und Weise.

Wir wussten nicht, dass diese Elterngespräche in der Schule an Professionalität zunehmen und damit das Potenzial, mich als "Mama-Versager” zu fühlen, verstärkt würden.

Wir sassen den Lehrern unserer Kinder gegenüber. Lehrern, die wir wirklich respektieren, mögen und froh darum sind, dass sie unsere Kinder mit Freude unterrichten, und hörten zu, in welchen Bereichen unsere Kinder noch schwach sind, sich mehr Mühe geben müssen oder was sich noch ändern sollte.

Natürlich wurden die Stärken auch mitgeteilt, doch diese andere Anmerkung hallte nach. Sie hatte das Potenzial, mich und mein Mamasein zu hinterfragen.
Und wir sind überhaupt keine Eltern, die nicht mit dem Lehrer zusammenarbeiten wollen und an den Schwächen unserer Kinder dran sind. Wir sind mehr als bereit. Aber alle Kinder an der vermeintlichen Norm zu messen, ist dann doch schwierig.

- Nicht jedes Kind ist gut in Mathe!
- Nicht jedes Kind ist aufgeweckt und mutig und macht im Unterricht mit!
- Es gibt tatsächlich auch scheue Kinder, und die werden nicht plötzlich extrovertiert und super sozial, und wer sagt, dass das eine besser ist als das andere?
- Nicht jedes Kind ist gut in Sprachen! Wo bleibt das Kreative, auf das heute so wenig Wert gelegt wird? Kinder, deren Stärken darin liegen, haben es oft schwer in der Schule, da Kreativität nicht zu den “wichtigen" Fächern gehört.
- Nicht jedem Kind fällt es einfach, morgens vier Stunden ruhig und aufmerksam in seinem Stuhl zu sitzen.
- Nicht jedes Kind geht nach einem sechstündigen Schultag noch mit Freude an die Hausaufgaben.

…….

Die Aufgabe der Lehrer ist eine ehrenvolle, und ich bin mehr als dankbar, dass sich begeisterte Pädagogen finden, die diese nicht einfache Aufgabe, unsere Kinder zu lehren, übernehmen. Ich wage zu behaupten, dass diese herausfordernder geworden ist.
Eltern, die sich gegen die Lehrer stellen.
Immer grössere Klassen, die es den Lehrern schwierig machen, sich auf den Einzelnen zu fokussieren.
All das ist nicht einfach. Es ist auch nicht die Aufgabe der Pädagogen, unsere Kinder zu erziehen. Das ist die unsere.

Also, wenn du von einem Elterngespräch zurückkommst und entmutigt bist, dann stelle dir einige Fragen:

1. Kann es sein, dass der Lehrer recht hat und ich – anstatt dass ich für mein Kind Ausreden suche oder den Lehrer für das Fehlverhalten meines Kindes verantwortlich mache – mein Kind in den genannten Bereichen zu lehren beginnen sollte? Sei es in Freundlichkeit, Ehrlichkeit, Selbstständigkeit, Selbstkontrolle, etc.
Im Wissen, dass dies für mich eine Aufgabe bis zur Volljährigkeit sein wird!?

2. Kann es sein, dass ich einfach zuerst durchatmen muss, die Information aufnehme, mich jedoch nicht dadurch entmutigen lasse? Denn ich weiss, dass wir dran sind, gleichzeitig ist jedoch nicht jedes Kind gleich und ich entscheide mich dafür, die Einzigartigkeit meines Kindes zu feiern, denn das ist meine Aufgabe und nicht die des Lehrers.

Also gehe ich bei beiden Punkten nicht nach Hause und mache den Lehrer oder das Kind fertig, sondern überlege mir, welches die nächsten Schritte sein können.

Ich wollte schon länger einen Eintrag darüber schreiben, es ist jedoch ziemlich schwierig, eine Balance zu finden. Denn es gibt wirklich Eltern, die sich mal liebevoll mit Grenzen um ihre Kinder kümmern sollten und dann gibt es genauso diejenigen, die ihr Bestes geben und nach einem Elterngespräch wegen der vielen negativen Punkte niedergeschlagen sind.
Dann gibt es Lehrer, die keine Freude am Beruf haben und dies an den Kindern auslassen.

Unsere Aufgabe als Eltern ist, unseren Kindern zuhause Sicherheit zu bieten, sie zu ermutigen, ihre Einzigartigkeit zu erkennen und zu zelebrieren. Sie stark und selbstbewusst zu machen, trotz vermeintlichen Schwächen in der Schule. Sie nicht am Durchschnitt zu messen, sondern ihren Horizont zu öffnen, dass das Leben nicht nur aus Schule besteht (vor allem bei Kindern, die ihr Bestes geben und trotzdem Mühe haben).

Ich kann kaum das Potenzial ausschöpfen, das dieses Thema mit sich bringt, und es frustriert mich sogar ein wenig. Ich möchte es mir aber nicht nehmen lassen, dich zu ermutigen, wenn du nach einem solchen Gespräch entmutigt bist.

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