:: Vier Jahrzehnte::


Ich wurde kürzlich 40 und habe mich ehrlich darüber gefreut! 

Am Tag zuvor, als ich die letzten Vorkehrungen für meine Party traf, wurde  
mir schlagartig bewusst, was für ein Meilenstein das ist. 
Inmitten all dem Einkaufen, Backen, DIY-Deko machen (tönt doch schon besser als basteln, nicht wahr?! :-) und Kochen ging das fast unter! 
Ich entschied mich dann, mir die Zeit zu nehmen, um über die letzten 40 Jahre zu reflektieren. Pure Dankbarkeit überkam mich, so dass ich spontan entschied, meiner Familie einen Brief zu schreiben. 
Eine Dankesbotschaft für all die Jahre, in denen sie mich aufgezogen und begleitet haben. 

Diese Zeit der Reflektion mag für jeden anders aussehen. 
Für die einen sind es wunderschöne Erinnerungen, für andere kommen kleine und grosse Lebensgeschichten hoch, die lieber tief vergraben bleiben sollten. Denn letztendlich hat man doch viel darin investiert, sie aus dem Gedächtnis zu löschen. 

Vielleicht denkst du dir jetzt, dass ich zur ersten Sorte gehöre, aber Letzteres ist eher zutreffend. 
Warum also diese pure Dankbarkeit? Wie ist das möglich? 
Seit 13 Jahren begleiten mein Mann und ich die verschiedensten Familien. Mehr und mehr wurde uns bewusst, dass man jegliche Werkzeuge, Hilfestellungen und Ermutigungen haben kann, es dann aber nicht an der Bemühung scheitert, sondern der Prägung. 
Was meine ich damit? Wir wurden oft tiefer und stärker in unserer Herkunftsfamilie geprägt, als uns bewusst ist. 

Das saloppe "ich mach dann alles anders" in der Hoffnung, dass man 18+ Jahre so einfach abschütteln kann, funktioniert spätestens nicht mehr, wenn man eine eigene Familie gründet. 

Die Vergangenheit haftet doch eher wie eine Art Leim und nicht wie ein Mantel, den man einfach so abstreifen könnte.
Die einen versuchen aktiv und verkrampft, als Mama oder Papa genau das Gegenteil ihrer eigenen Eltern zu machen, was sich vielleicht anfangs befreiend anfühlt, bis man merkt, dass auch dies mehr einer Gefangenschaft gleicht, da man im absoluten Gegenpol kaum die erhoffte Freiheit erfährt. 
Die anderen haben still für sich entschieden, es anders machen zu wollen, scheitern jedoch wiederholt und werden durch verschiedene Aussagen und Festlegungen in die Vergangenheit zurückversetzt. 
Die Geschichte wiederholt sich. 
Vielleicht nicht genau gleich, weil man sich Mühe gibst, aber ganz frei fühlt man sich trotzdem nicht. 

Ich spreche hier nicht nur von wirklich traumatischen Erlebnissen. Es können auch sehr unscheinbare sein, wie: 

- Du hattest immer das Gefühl, dass du dir die Liebe deiner Mutter/deines Vaters verdienen müsstest 
- Du wurdest zum Ersatzpapa oder zur Ersatzmutter 
-…...

Als ich mich damit befasste, wurden mir natürlich auch die verschiedenen Muster bewusst, und ich brachte sie dadurch ans Licht, indem ich sie aufgrub – auch wenn der Prozess alles andere als angenehm war. Aber das Aufarbeiten wurde zum Segen und zu einer neu gefundenen Freiheit. 
Gespräche wurden geführt. Vergebung wurde ausgesprochen.

Für mich war das Bewusstsein, es für meine Kinder zu tun, der erste und primäre Auslöser. Was dann aber alles für mich persönlich folgte, war ein überraschendes Geschenk. 
Deshalb konnte ich mit 40 pure Dankbarkeit empfinden. Denn meine Familie gab ihr Bestes, und das Beste muss reichen. Durch die Aufarbeitung kamen unerwartet auch Schätze zum Vorschein, die ich in meiner Kindheit mitbekommen habe. Wenn der Dreck auf die Seite geschoben wird, bekommt man plötzlich eine neue Sicht. 

Natürlich reicht dieser Blog nicht, um in die Details zu gehen. Es würde den Rahmen sprengen. 
Ich möchte dir jedoch einen Anstoss geben, näher hinzuschauen und dir zu überlegen, wo du noch nicht die erhoffte Freiheit hast (und mit Freiheit meine ich nicht, dich von allem loszusagen, Kontakte abzubrechen oder sie auf ein Minimum zu beschränken, damit du deine Ruhe hast). Sondern dass du tief drin Ruhe spürst, wenn du zurückschaust und doch auch Dankbarkeit dein Herz erfüllt. 

Diese Prozesse geschehen nicht über Nacht. Oft ist es von Vorteil, wenn du eine Vertrauensperson miteinbeziehst und Unterstützung erfährst. Gelegentlich ist es angebracht, eine Fachperson hinzuzuziehen. 

Es lohnt sich, zurückzuschauen, um freier nach vorne schauen zu können. 
Und nicht nur das, sondern auch um dankbarer für die Dinge zu sein, die unsere Eltern uns mitgegeben haben. 

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