:: Immer alles so offensichtlich?::


Vielleicht hast du ein Kind, bei dem du das Gefühl hast, dass es sich nicht so sehr freut, wenn du es lobst. 

"Wow, das hast du aber gut gemacht Noa, bin so stolz auf dich!“ 
Noa sieht dich kaum an und verschwindet in seinem Zimmer, ohne eine offensichtliche Regung zu zeigen. Kein Schimmer von Freude, Zucken der Mundwinkel, das ein Lächeln erahnen könnte, oder dergleichen. 
"Hmmm," denkst du dir, "vielleicht ist es nicht seine Liebessprache und ihm nicht so wichtig, denn seine Schwester reagiert hierbei ganz anders und überhaupt sollte man sich doch freuen, wenn jemand einem ein Kompliment macht, nicht?" 
Man kommt ins Grübeln und die lobenden und ermutigenden Worte nehmen langsam ab. 

Oder dein Kind zuckt nicht mit der Wimper, wenn es eine Konsequenz bekommt. "Ist mir doch egal," ist seine Reaktion, und du fragst dich, ob diese Konsequenz wirklich zieht. 
"Elena, geh in dein Zimmer, das geht nicht, dass du deinen Bruder die ganze Zeit ärgerst!" 
"Macht mir sowieso nichts aus!“, ist dann ihre schnippische Antwort und du überlegst dir, ob vielleicht eine andere Konsequenz besser wäre, denn dein Sohn reagiert da ganz anders. Er ist überhaupt nicht glücklich über die Konsequenz, ihr könnt dann aber super darüber sprechen, die Sache bereinigen und du spürst, dass du sein Herz erreicht hast. 
Andere Konsequenzen kommen dir für die Tochter aber nicht in den Sinn und du bist zunehmend frustriert, da sie dich mit ihrer Haltung enorm herausfordert. Entweder wirst du harter, oder du lässt es schleifen, so nach dem Mott: Es bringt sowieso nichts. 

Oder dein Kind zieht sich bei jeder Umarmung zurück: „Nein, hör auf, ich möchte spielen!" Oder du sagst: „Komm, ich möchte dich mal drücken“, breitest deine Arme aus und kommst immer näher, dein Sohn nimmt einen Schritt zurück und meint: „Bitte nicht, ich geh jetzt in mein Zimmer" und verschwindet schnell. 
Enttäuscht bleibst du zurück und denkst dir auch bei dieser Situation, dass es vielleicht nicht seine Liebessprache ist und du ihn auf keinen Fall zwingen möchtest, dich zu umarmen oder zu küssen – Kuscheln liegt schon gar nicht drin bei ihm. 
Es scheint so, als ob er die Nähe nicht mag. Welche andere Erklärung würde es sonst geben?
Langsam aber sicher distanzierst du dich auch, weil du ihn ja nicht bedrängen möchtest.  
Wir Eltern werden ja überhaupt nicht gerne von unseren Kindern zurückgewissen. Deshalb verunsichert uns dies. 
Vielleicht trifft eines oder sogar alle der obigen Beispiele auf dein Kind zu.
Kann es sein, dass deine Tochter oder dein Sohn ihre/seine wahren Emotionen nicht wirklich zeigt? 
Überlege dir, ob es vielleicht deswegen ist, weil das Kind keine "Schwäche" oder wahren Emotionen offenbaren möchte. 
Denn was macht das mit ihm? Es macht das Kind verletzlich. 
Wenn das der Fall ist, dann ermutige weiter, viel weiter, bleib liebevoll konsequent und umarme, umarme immer wieder. 

Wenn das Kind es nicht mag, dann halte es kurz und sage: "Aber ich liebe dich so!" und dann lässt du es wieder springen. 
Ist es nicht so, dass wir Mamas und Papas uns zu oft zurückziehen, weil uns die Reaktion überfordert und wir nicht wissen, wie damit umzugehen ist? 
Was, wenn es aber in dem kleinen Kinderherzen schreit:  
"ERMUTIGE MICH TROTZDEM, ICH KANN EINFACH NICHT SAGEN, DASS ICH ES MAG!" 
"UMARME MICH TROTZDEM, AUCH WENN ICH MICH SO DANEBEN BENEHME!" 
..... 

Was wäre wenn?! Was wäre, wenn dein Kind Zeit braucht, seine Emotionen zu entwickeln und dies in einem sicheren Umfeld tun muss, wo es über Jahre lernt, dass es dir ganz und gar vertrauen kann? Vertrauen, dass es sich auch mal verletzlich machen darf. 
Vertrauen, dass du es liebst, komme was wolle, oder was auch immer du sagst. 

Eine Expertin bin ich nicht! 
Aber ich war so ein Kind, und ich habe so ein Kind. 
Als meine Mutter mich umarmen wollte und ich emotionslos und kalt, äusserlich bestimmend sagteNEIN, das möchte ich nicht!, schrie ich innerlich lautlos: "MACH ES TROTZDEM, DAMIT ICH WEISS, DASS DU MICH WIRKLICH LIEBST!"
Ich konnte meine Emotionen nicht zeigen. Ich wusste nicht wie, ich musste lernen, damit umzugehen. 
Unsere Zweitgeborene ist ein charakterliches Abbild von mir. 
Über Jahre wollte sie keine Umarmungen oder setzte ihr Pokerface auf, wenn wir sie ermutigten. Wir blieben dran. Ich nahm sie manchmal beim Vorbeigehen und umarmte sie und sagte: „Ich habe dich soooo lieb!" 
Später dann erhaschte ich, nachdem sie sich befreit hatte, ein kleines Lächeln.  
Heute, 9 Jahre später, sitzt sie – für uns überraschenderweise – oft auf unserem Schoss, möchte Umarmungen und in unserer Nähe sein. 
Irgendwie ganz plötzlich! (Wenn man von Plötzlich nach 9 Jahren sprechen kann …) :-)
Es ist, als ob sie in ihrem Tempo lernen konnte, dass Emotionen gut sind. Sie hat gesehen, dass trotz ihrer äusserlichen Abweisung wir zu ihr gestanden sind und ihre Sicherheit wuchs. 
Sie durfte lernen, dass Verletzlichkeit nichts Negatives ist.
Es ist so schön zu sehen, so kostbar für uns.

Deshalb ist es mit unseren Kindern nicht immer so, wie es scheint. 
Ermutige, umarme und sei liebevoll konsequent. 

Einen kleinen „Disclaimer" muss ich hier reinbringen. Das heisst nicht, das du dein Kind vor anderen blossstellst, weil du sie umarmen und küssen möchtest. Man muss unterscheiden zwischen seinem eigenen Bedürfnis (manchmal möchte die Mama oder der Papa kuscheln, weil es unsere primäre Liebessprache ist), und seinem Kind die Liebe zeigen, die es benötigt. 
Ich spreche hier nicht von einer fünfminütigen Umarmungen, wo du die Grenzen deiner Kinder überschreitest, nur um den Punkt rüberzubringen. Nein, bleibe respektvoll. Enthalte dich deinen Kindern jedoch nicht, nur weil sie dir angeblich zeigen wollen, dass sie es nicht möchten. 

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