::Das Alter ehren::


Meine Töchter und ich waren am Samstag früh in der Stadt, wir wollten in einen Bastelladen. Der war leider noch zu und wir mussten einige Minuten im Regen warten, als sich eine ältere Dame zu uns gesellte.

Sie war ganz offensichtlich in Plauderlaune und fing an, mit mir auszutauschen. Voller Stolz erzählte sie mir über ihre 6 Kinder und 11 Enkelkinder. Wie sie früher schauen musste, dass sie mit jedem Kind etwas unternehmen konnte und wie schwierig es für sie nach dem Krieg war (ihr Mann starb früh), was das Ganze zu dieser Zeit als allein-erziehende Mutter nicht einfacher machte.
Sie drehte sich zu meinen Mädchen und sagte: “Ihr habt aber ein liebes Mami, das sich so Zeit nimmt mit einer alten Frau, so wie ich es bin, sich zu unterhalten. Ich habe da schon ganz anderes erlebt!“
Sie erzählte davon, dass keiner im vollbesetzten Tram ihr den Platz anbieten würde. Sie sei schon noch gut zu Fuss, aber manchmal wäre es schön, sich setzen zu können, vor allem bei den ruckartigen Bremsen. Niemand hätte Zeit, mir ihr zu sprechen, und sie habe schon Trauriges erlebt.

Die Tür des Ladens öffnete sich und schon war sie in ein Gespräch mit den Angestellten verwickelt.
Ich blieb mit unseren Girls zurück und wir sprachen über diese Begegnung.

Ganz ehrlich bin ich überhaupt nicht der Typ, der gerne mit wildfremden Leuten ins Gespräch kommt, vor allem nicht, wenn ich mit meiner Familie unterwegs bin.
Aber diese Frau benötigte nur 7 Minuten meiner Zeit, ihr Lächeln und ihre offensichtliche Freude über das Gespräch haben mir und meinen Girls so viel Freude zurückgegeben.
Wir haben einmal mehr erleben dürfen, dass man mit einer kleinen Geste so viel geben kann.
Mir wurde bewusst, wie wunderschön dieses Bild von alt und jung ist – die Zeit, die man einander widmet, auch wenn man aus vollkommen verschiedenen Zeiten kommt und sich oft auch nicht versteht.

Lass diese „Unterbrechungen“ zu, denn eines Tages stecken wir in den Schuhen der alten Dame.
Unsere Kinder werden dann hoffentlich dafür sorgen, dass wir nicht am Rande der Gesellschaft landen, weil bei uns alles langsamer geht, und niemand mehr Zeit hat, einer Geschichte zuzuhören.

Ich wurde noch dazu erzogen, aufzustehen und meinen Sitz einer älteren Person zu übergeben, und du bestimmt auch.
Nur die nächste Generation, so scheint es, hat es ein wenig verlernt.

Mich erstaunt es, dass während der paar Male, bei denen ich die öffentlichen Verkehrsmittel gebrauche (es ist wirklich nicht oft), jeder einfach in sein Handy vergraben für sich ist und nicht aufschaut, vielleicht aus Angst, dass er eine ältere Person sehen würde, der er den Platz geben müsste.

Lass uns die älteren Menschen in unserer Umgebung mit unseren Kindern überraschen, welche sie ehren.
Die ihren Platz im Tram, Bus oder Zug freimachen, eine ältere Person an der Kasse nach vorne lassen, und nicht ungeduldig schnaufen, wenn die Dame vorne an der Kasse viel mehr Zeit benötigt um zu bezahlen, weil sie das Kleingeld nicht mehr so gut sieht. Unsere Kinder können lernen, älteren Personen die Türe aufzuhalten, sie höflich zu grüssen.
Wäre das nicht schön?

Das Wunderbare ist, dass unsere Kinder diese Dankbarkeit spüren und dies ihnen auch Freude bereitet.
Es lehrt sie, an andere zu denken und nicht nur für sich selber zu schauen.

Mamas und Papas, lasst uns daran arbeiten und unsere Kinder lehren. Und sie nicht nur lehren, sondern ein Vorbild für sie sein.

Ich weiss, dass bestimmt viele von euch auch schlechte Erfahrungen mit einer älteren Person gemacht haben, da diese Person vielleicht keinen Platz im Bus wollte oder mürrisch war.
Diese Thematik kommt während dem Kurs immer wieder auf. Die Enttäuschungen, die einen davon abhalten, diesen Wert weiterzugeben.
Aber ich denke, wir sollten uns davon nicht beeinflussen lassen.

Das  Zusammenspiel von Jung und Alt ist so wichtig.
Nicht nur in der eigenen Familie, sondern auch für die Gesellschaft.
Es ist wunderschön, wenn beide aufeinander zugehen können, trotz den vielen Unterschieden und dem „früher war alles besser!“ :-)

Ich denke, wir Jüngeren können viel von den vorangegangenen Mamas und Papas lernen. Ich liebe es, Geschichten davon zu hören, wie sie erzogen haben, oder wie sie es ohne Waschmaschine, Geschirrspüler, Internet, Lieferservice, Kreditkarten etc. geschafft haben. Kaum vorstellbar, sie hatten aber auch nur 24 Stunden pro Tag zur Verfügung und schafften es auch. :-)

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