:: Das Kartoffelprinzip::


Während der Childwise Konferenz in den USA habe ich erstmals davon gehört.
Das Kartoffelprinzip handelt davon, dass wir uns oft zu sehr auf die Schwachheiten fixieren, auf Kosten des Guten.
Warum aber Kartoffeln?
Nun, das Ehepaar, das das Thema vorstellte, erzählte uns von ihrem Date. Sie genossen Baked Potatoes und ich bin sicher, dass da irgendwie auch noch ein saftiges Steak dabei war. :-) Die Augen des Mannes leuchteten förmlich :-).
Leider aber war so ein dunkler Fleck an der Haut der Kartoffel, welche die Frau auf dem Teller hatte. Kennst du das? 
Diese Flecken sind ein kleiner Makel an der Knolle. Aber in Realität ist die Kartoffel geniessbar, auch mit ihren Unvollkommenheiten.
Sicherlich ist sie nicht perfekt, aber sie gar nicht zu geniessen, nur wegen diesem Fleck, wäre übertrieben.

Die Frau hat dann erklärt, dass sie die Kartoffel gar nicht mehr essen konnte, dieses „Auge“ starrte sie förmlich an und verdarb ihr den ganzen Appetit.
Sie konnte einfach nicht mehr weiter dinieren, zu sehr störte sie dieser Makel.

Ist es nicht so, dass wir genauso mit den schlechten Angewohnheiten oder Schwächen unserer Kinder umgehen?
Wir fixieren uns so sehr auf diese, dass wir alles Andere ausblenden.
Uns stört nur noch dieses Eine und es vernebelt uns die Sicht.
Wir verlieren die Perspektive und Freude.

Zusätzlich frustrieren wir unsere Kinder ungemein, wenn wir ständig auf dem Gleichen herumhacken und es als Dauerthema bereden.

Wo siehst du nicht mehr klar?

Ist es vielleicht dein Kleiner, der ständig andere Kinder schlägt, wenn er nicht das bekommt, was er möchte?
Du scheust dich davor, dich mit anderen Müttern zu treffen, da du befürchtest, dass dein Sohn wieder einmal negativ im Fokus sein wird.
Du erinnerst ihn, belehrst ihn, machst ihn darauf aufmerksam, dass man nicht schlagen sollte, und das wird Thema Nr. 1 in eurem Haus.
Es beschäftigt dich und deinen Mann auch während der Couch-Zeit und ihr merkt nicht, dass ihr so fixiert auf das Eine seid.

Vielleicht ist es auch deine scheue Erstgeborene, die sich nicht wehren kann und ihr euch im Kreis dreht, weil ihr euch Sorgen darüber macht.
Oder dein Nesthäkchen, das ein Riesendrama macht, bevor es zu Bett gehen sollte, oder dein Sohn, der dich verbal täglich herausfordert und ständig über die Grenzen geht.

Was es auch sein mag, du wirst genau wissen, worüber ich spreche.

Auch wenn ich mich mit dem Baked Potatoe nicht identifizieren kann (denn ich würde den Knollen trotzdem essen – genug Sauerrahm verdeckt den Makel) :-), kann ich es umso mehr in der Erziehung.

Ich kenne diese Zeiten, in denen man mit Herausforderungen zu kämpfen hat und sich je länger je mehr darauf fixiert.
Es zieht dich runter, du denkst dir: „Werden wir das jemals schaffen? Wir haben es schon so viele Male angeschaut, ich weiss nicht mehr weiter!"
Tage vergehen, gar Monate (ich möchte nicht von Jahren sprechen, um dich nicht zu entmutigen) :-) … aber die Zeit vergeht. Ja, manchmal mehr als uns lieb ist. Ganz gleich bleibt es jedoch nicht, denn wenn du ganz gut hinschaust, erkennst du Mini- bis Midi-Fortschritte, und diese habe ich gelernt zu feiern.

Nimm einen Schritt zurück, schau das Ganze aus einer anderen Perspektive an. Nicht mittendrin, wo du vor lauter Flecken das Gute nicht mehr erkennst.
Vernachlässige nicht all das Positive, all die Stärken, die dein Kind mitbringt, all die Ziele, die ihr schon erreicht habt.
Erfreue dich an ihnen, sprich darüber. Anstatt dass du deinem Kind immer das hervorhälst, was eben nicht klappt, darüber mit deinen Freunden austauschst etc. 
sprich Leben aus, ermutige deine Kinder in den kleinen und grossen Erfolgen und du wirst sehen, dass diese Worte sie aufblühen lassen und stärken. 
Und weisst du was? Nicht nur deinen Kinder sondern auch dir wird das neue Freude geben, neue Energie und eine neue Perspektive.

Natürlich, schlechtes Verhalten möchten und sollten wir nicht übersehen.
Hüte dich aber davor, dass es deine Sicht vernebelt.
Sei nicht zu sehr darauf fixiert, es wird dich und deine Kinder frustrieren.

Arbeite am verbesserungsfähigen Benehmen, unterstütze sie darin, begleite sie.
Du wirst Konsequenzen gebrauchen und immer wieder Nicht-Konflikt-Situationen, um deinen Nachwuchs zu lehren. 
Du wirst die Kinder korrigieren, aber erinnere dich daran, nicht nur das Negative zu unterstreichen, sondern setze die Scheinwerfer auf das Gute, denn glaube mir, es gibt so viel davon!

Ich habe den Vorteil, dass ich schon ältere Kinder habe und schon viele köstliche Früchte geniessen konnte. 
Oft mussten wir lange warten, meist länger als mir lieb war, ich habe aber gelernt, den Prozess genauso zu lieben wie das Ziel, das ich vor Augen habe.

Deshalb möchte ich dich als Jung-Mama/-Papa ermutigen: Es lohnt sich allemal dranzubleiben, aber nicht auf Kosten der Freude.
Vergiss nicht alles Andere, weil du so fixiert auf den einen „Makel“ bist. 
Tu einen Löffel „Sauerrahm"-Ermutigung darüber, und schon sieht die Welt ganz anders aus.

Noch eine Randbemerkung: Ich spreche hier nicht über die Gattung Eltern, die ihre Sprösslinge auf einen golden Thron setzen.
Solche Eltern können sich kaum vorstellen, dass ihre kleinen Prinzen und Prinzessinnen jemals etwas Schlechtes tun könnten.
Sie entschuldigen das Verhalten der Kleinen überall und meist sind die anderen Schuld – seien es die Kinder, mit denen ihr Nachwuchs zusammen ist, die Lehrer etc.

Nein, darüber spreche ich nicht. Aber ich bin sicher, die treuen Blogleser kennen mich schon ein wenig. :-) 
Ich wollte es mir aber nicht nehmen lassen, dies für die „Neuen“ unter euch klarzustellen.

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